wohnen+/-ausstellen

Leitung und Konzept

Dr. Kathrin Heinz

Prof. Dr. Elena Zanichelli

 

Prof. em. Dr. Irene Nierhaus
Begründung und Leitung (2010 - 2021)
des Forschungsfeldes wohnen+/-ausstellen

 

Schwerpunkt der Forschung ist das in der Kooperation mit dem Instituts für Kunstwissenschaft - Filmwissenschaft - Kunstpädagogik der Universität Bremen aufgebaute eigenständige und spezifische Forschungsfeld wohnen+/–ausstellen. Wohnen wird darin als weitverzweigter, umfassender Komplex und Prozess von Aufenthalt, Handeln und Ausstellen als Zeigesystem verstanden. Wohnen wird spätestens seit der Moderne mit dem Privaten assoziiert, Ausstellen hingegen als Geste des Veröffentlichens und des Öffentlichen. Auch wenn dieser Gegensatz zwischen Öffentlich und Privat eine nicht aufrecht zu erhaltende Konstruktion ist, wird diese dennoch in Aussagen, Texten und Bildern in unendlichen Dichotomieketten (öffentlich-privat, männlich-weiblich, Individuum-Gesellschaft …) ständig wiederholt und erneuert. Die Verbindung von Wohnen und Ausstellen ist durch das „+/-“ markiert, das die Grauzone der Verschränkung anzeigt. So ist beispielsweise Wohnen in der Moderne als gesellschaftlicher Schauplatz figuriert, an dem sich die innenorientiert moderne Subjektivität fortwährend veräußert, ausstellt und ausstellen muss. D. h., es geht auch um eine Ein-Richtung des Subjekts und seiner sozialen Konstellationen durch und mit dem Einrichten des Wohnens. Wohnen richtet als politische, soziale und kulturelle An-Ordnung Zuschreibungen an Geschlechter, Ethnien, Körper und Nation ein. Wohnen ist somit eine vorsätzlich gesellschaftliche Formation, das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Bedingtheit keine Handlungsmöglichkeit des Subjekts ermöglicht. Im Gegenteil, Teil der Bedingtheit ist eine Aufforderung zum Handeln und ein Ausdifferenzieren in sozialen wie individuellen Handlungen wie Vorstellungen (Herstellen des Wohnens, des Zusammenwirkens der Bewohner_innen, z. B. als Familie, Verhalten in der Gesellschaft etc.). Wohnen ist ein Schauplatz des Bedingt-Seins und seiner wechselvollen Verhältnisse zum Selbst-Tun. Auch Ausstellen ist eine Konstellation sozialer und kultureller Narrative, die im Akt des Zeigens Wissen und Vorstellungen produziert. Von den sich im Wohnen selbst ausstellenden Bewohner_innensubjekten bis zu Kunst- und Bauausstellungen und ihren kritischen oder modellhaften Anordnungen des Wohnens reicht das Untersuchungsspektrum. Wohnkritiken und Wohnmodelle bilden seit dem 19. Jahrhundert die Diskurse um Wohnen in Texten und Bildern. In den verschiedenen Medien wird Wohnen ‚gezeigt‘, d. h. eine umfassende Didaktik zur Ausbildung eines Wohnwissens entwickelt. Dieses „Wohnwissen“ verknüpft Anforderungen, Zuschreibungen und Begehrensstrukturen aus unterschiedlichen Bereichen und versammelt sie in einem formellen wie informellen Komplex von Aussagen und Diskursverschränkungen. So wird das Prinzip des Einrichtens und Ausstellens, der Kritik und des Modells bzw. des darin formulierten Wohnwissens in verschiedenen bildlichen und räumlichen Formaten des Zu-Sehen-Gebens untersucht: z. B. Wohn- und Kunstausstellungen, Innenräume wie Interieurs in Architektur und Bild, Ausstellungspavillons, Publikumszeitschriften, Film, Fernsehen und Internet.

 


 

Forschungsgruppe
wohnen+/-ausstellen

Mitglieder

Prof. Dr. Kerstin Brandes, Prof. Dr. Insa Härtel, Dr. Kathrin Heinz, Dr. Susanne Huber, Dr. habil. Christiane Keim, Mira Anneli Naß, Amelie Ochs, Franziska Rauh, Dr. Mona Schieren, Astrid Silvia Schönhagen, Nadja Tamara Siemer, Rosanna Umbach, Prof. Dr. Elena Zanichelli

 

Zeitraum: seit Dezember 2009

Forschungsprojekt Wohnseiten. Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen

Leitung: Prof. em. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz 
Koordination
: Amelie Ochs, Rosanna Umbach

 

Das Forschungsprojekt Wohnseiten im Forschungsfeld wohnen+/–ausstellen widmet sich der grundlegenden Erforschung und Analyse vorwiegend deutschsprachiger illustrierter Zeitschriften zum Thema Wohnen. Dabei werden sowohl historische als auch aktuelle Zeitschriften sowie weitere (inter)mediale, durch eine serielle Ästhetik gekennzeichnete Formate berücksichtigt und aus einer medienästhetischen und ideologiekritischen Perspektive angeschaut. Gefragt wird, auf welche Weise Zeitschriften Diskurse des Wohnens produzieren und vermitteln, und inwiefern dadurch die seit der Moderne wirksamen Vorstellungs- und Subjektivierungsweisen konstitutiv mitgestaltet werden. Der Materialkorpus reicht von Modejournalen über Familienblätter und Hausfrauenzeitschriften des 19. Jahrhunderts bis zu Zeitschriften, die sich ab der Wende zum 20. Jahrhundert mit Fragen der ästhetischen und sozialen Gestaltung von Wohnzusammenhängen auseinandersetzen. Gerade auch beliebte Formate wie Schöner Wohnen oder Landlust, die am Markt etabliert sind und sich über die Jahre ihres Erscheinens auch gewissermaßen immer wieder neu erfunden haben, stellen eine wertvolle Quelle dar. Für eine möglichst umfassende und zugleich fundierte Forschung haben sich einzelne Teilprojekte entwickelt, die sich auf jeweils unterschiedliche Zeiträume und Materialien konzentrieren, mit dem Ziel, Wohndidaktiken und Zeigestrategien in ihrer historischen Spezifik und gesellschaftlichen Wirkmacht herauszuarbeiten. Wie greifen bereits um 1800 Vorstellungen von Schönheit und Zweckmäßigkeit der Einrichtung mit frühen Konsum- und Reklamestrategien ineinander? Was ist die Rolle von Design bezogen auf Wohnsubjekte und wer verbreitet auf welche Weise Ideen von „gutem“ oder „richtigem“ Wohnen? Wie spielen Kategorien von Geschlecht, Familie und Nationalität in das Wohnen hinein? Mit welchen Text-Bild-Verbünden haben die Rezipient_innen es zu tun, und wie werden Leser_innen überhaupt angesprochen oder in die neu produzierten Diskurse (immer wieder neu) integriert? Kann ein Populärmedium, das sich an eine spezifische Masse wendet, maßgeblich die Diskurse und Debatten in Kunst und Design mitbestimmen? Welche Subjekte werden produziert und in welchen Räumen werden sie gezeigt? In historischer Perspektive ist dabei auch das Verhältnis von Einzelgegenstand und Wohnensemble interessant. Zu fragen wäre etwa, ab wann und in welcher Konstellation neben einzelnen Möbelstücken auch das Raumgefüge des Interieurs verhandelt wird. Wie ändern sich die Relationen, in denen die beiden Bereiche zueinander gedacht werden? In welchen Formaten und Kontexten kommen Ratgeber-Rubriken, Do-it-yourself und Alltagspraktiken in Verbindung mit dem Wohnen vor, wo gibt es Überschneidungen mit oder Abgrenzungen von anderen Rubriken? Auch Aspekte der Biopolitik und Gesundheits- bzw. Hygienediskurse spielen in den Innen- und Zwischenraum des (miteinander) Wohnens hinein und werden in den Teilprojekten mit untersucht. Das Forschungsprojekt hat neben der Grundlagenforschung und Erschließung des Feldes illustrierter Zeitschriften für die Kunstwissenschaft auch das Ziel der Nachwuchsförderung und der weiteren Vernetzung mit anderen forschenden Institutionen und Arbeitsgruppen.


Teilprojekte der Forschungsgruppe Wohnseiten

Prof. Dr. Insa Härtel (Professorin für Kulturwissenschaft an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) und Assoziierte Wissenschaftlerin am MSI): Forschungsprojekt zu „Messie“ mit Methode: Wohnmüll im TV-Format.

 

Amelie Ochs (Wissenschaftliche Mitarbeiterin): Promotionsprojekt Vom Stillleben zum Display. Sachfotografien und Schaufenster im Kontext von Bildgestaltung und -konsum am Beginn des 20. Jahrhunderts [AT]

 

Rosanna Umbach (Mariann-Steegmann-Stipendiatin): Promotionsprojekt

Un_Gewohnte Beziehungsweisen - Visuelle Politiken des Familialen im Schöner Wohnen Magazin der 1960er und 1970er Jahre [AT].

 

Nora Johanna Huxmann (Nachwuchsprofessorin für Pflanzenverwendung in der Landschaftsarchitektur, Hochschule Ostwestfalen-Lippe/Höxter): Forschungsprojekt zu Wohnen und Gärten.

 

Weitere Beteiligte:

 

Dr. habil. Christiane Keim (Assoziierte Wissenschaftlerin am MSI)

 


Bisherige Veranstaltungen der Forschungsgruppe Wohnseiten:

 

Ästhetische Ordnungen des Wohnens
Zu bildlichen Politiken des Wohnens, Häuslichen und Domestischen in Kunst und visueller Kultur der Moderne

 

18.–20. Juni 2021
via Zoom

 

www.aesthetische-ordnungen-des-wohnens.com

 

Internationale Online Tagung des Forschungsfeldes wohnen+/-ausstellen in der Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik an der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender.

 

Künste und Visuelle Kultur produzieren Vorstellungswelten des Wohnens. Im Zeigen der Bilder machen verschiedene Bildsorten, Genres, Bildstrategien und visuelle Verfahren (An)Ordnungen, Prinzipien, Praxis und Poiesis vom Wohnen, Häuslichen und Domestischen augenscheinlich. Das Domestische ist ein Geflecht aus den unter-schiedlichsten Diskursen zur gesellschaftlichen Formation des Wohnens als normalisierender Aufenthalt innerhalb des Sozialen. Darin werden Beziehungen zwischen Bewohner*innenschaft, Räumlichkeit und Objekten/Dingen gestaltet. Mit der Moderne seit 1800 werden diese Beziehungen als identitätsproduzierende Verhältnisse in Subjektivierungs- und Gemeinschaftsbildungsprozessen konzipiert, gelebt und fortwährend ästhetisch entworfen und in Bildlichkeit transformiert.

 

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WohnSeiten: Ins Bild gesetzt und durchgeblättert.
Zeigestrategien des Wohnens in Zeitschriften

 

10.-12. Mai 2019 an der Universität Bremen
 
Internationale Tagung des Forschungsprojekts Wohnseiten. Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen im Forschungsfeld wohnen+/-ausstellen in der Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft - Filmwissenschaft - Kunstpädagogik an der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender (Leitung: Prof. em. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz).
 
 
Wohnen will gelernt sein... Eher veränderlich als un-verrückbarer Zustand, ist Wohnen auch Handeln. Dieses Handeln ist Teil gesellschaftlicher und politischer Prozesse und Zuschreibungen und wird sowohl beständig als auch immer wieder neu vermittelt. Im Angebot der illustrierten (Massen-) Presse findet sich eine schier unüberschaubare Menge an Bildern und Diskursformationen des Wohnens und Einrichtens: Wer wohnt wie und mit wem, mondän, prekär, minimalistisch, prunkvoll ... Seite für Seite werden Einrichtungstipps, Homestories und Anleitungen zum „richtigen“ Wohnen vermittelt und gelehrt. Zeitschriften, Magazine, Journale und mediale Verbünde mit einem Schwerpunkt auf Wohnpraktiken stehen bei dieser Tagung mit ihrer seriellen, auf ein didaktisches Programm ausgerichteten Ästhetik im Fokus: Durch spezifische Zeigemechanismen werden Subjekte in ihren Wohnweisen adressiert und zum Tätigwerden aufgefordert. Es wird geclustert, gefaltet, seitenweise angeordnet, eingeschrieben, ausgelassen, vor allem aber auch: wiederholt und fortgesetzt.
Die ästhetische Struktur der Zeitschrift gibt Machtkonstellationen zu sehen, durch die Bewohner_innen und Leser_innen als sozial und politisch Agierende, vergeschlechtlichte und konsumierende Subjekte adressiert werden. Von frühen Mode- und Familienjournalen bis zu aktuellen Formaten sollen Darstellungen des Wohnens als sich selbst in Gang haltende Kategorisierungs- und Bewertungspraxen untersucht werden.
Die transdisziplinäre Tagung möchte Positionen aus Kunstwissenschaft, visueller Kultur, Architektur, Design und Medienwissenschaft zusammenbringen, um im Display der Zeitschrift über das Zu-Sehen-Geben von Wohn-Raum, seiner Architektur und Einrichtung sowie der in ihm und mit ihm agierenden Bewohner_innen zu diskutieren.
 
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Seiten des Wohnens: Bild, Text, Serie
12.-13. Mai 2017 an der Universität Bremen

Workshop des Forschungsprojektes Wohnseiten.
Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen

Leitung: Prof. em. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz

Organisation: Dr. Katharina Eck, Anna-Katharina Riedel, Rosanna Umbach

Schöner Wohnen, Landlust, Journal des Luxus und der Moden… Diese und weitere Zeitschriften zielen darauf ab, bereits auf den ersten Blick Ideale und Handlungsweisen des Wohnens zu vermitteln. Über Kriterien wie die einer ‚guten‘ und ‚stilvollen‘ Dekoration im Wohnraum hinaus, geht es um die Ausgestaltungen von Beziehungsräumen in all ihren ästhetischen, sozialen, politischen und didaktischen Dimensionen. Seit der Herausbildung und Ausdifferenzierung des Genres der Wohnzeitschriften im Verlauf des 19. Jahrhunderts werden durch Präsentationen von Wohnen, Innenräumen, Architektur und Alltagspraktiken Subjektivierungsweisen mitproduziert. Die Wohndiskurse und die Ästhetiken ihrer Zur-Schau-Stellung wirken buchstäblich und bildlich von allen Seiten in die Gesellschaft und werden im Workshop auf ihre Zeige- und Nichtzeige-Strategien hin untersucht. Dabei werden verschiedene Medien, sowohl aktuelle Zeitschriften als auch historische Presseerzeugnisse und andere serielle Formate, analysiert.

Projekt c/o Habitat Tier

Leitung und Konzept: Anne Hölck (Berlin), Dr. habil. Christiane Keim (Bremen/Berlin), Astrid Silvia Schönhagen (Bremen/Berlin)

Wo und wie wohnen Tiere? Wie platzieren sie sich selbst in ihrer Umwelt und welchen Platz weisen wir Menschen ihnen im gemeinsam bewohnten Habitat zu? Mit diesen und ähnlichen Fragen setzt sich das Projekt „c/o HABITAT TIER“ auseinander. Abweichend von der gängigen Vorstellung getrennter Wohnsphären werden Menschen und Tiere in diesem Projekt als gleichberechtigte Akteur*innen bei der Gestaltung von Lebensräumen verstanden. In Anlehnung an Donna Haraways Konzept der interspecies relationships sowie in Erweiterung des klassischen oikos-Begriffs sollen tierliche und menschliche Lebewesen als Teil einer durch ein gemeinsames Sich-Einrichten gekennzeichneten ,Interspezies-Wohngemeinschaft‘ aufgefasst werden, die je nach Ökosystem oder Habitat variiert. Der bisher ausschließlich dem menschlichen Kontext vorbehaltene Wohnbegriff wird dabei über die Triade Wohnung – Umwelt/Lebensraum – Territorium erweitert und kritisch befragt. Besonderes Interesse gilt in diesem Szenario künstlerischen Arbeiten, die sich in Form des multispecies storytelling mit mensch-tierlichen Wohngemeinschaften beschäftigen. 

 

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Call for Papers

Das Jagdzimmer. Wohnstile, Geschlechterkonstruktionen und die Aneignung von Natur im Zeichen des erlegten Tieres

Tagung an der Universität Bremen, 5./6. November 2022

Deadline: 15. April 2022

Laut Duden ist ein Jagdzimmer ein „mit Jagdtrophäen geschmückter, die Jagdwaffen u.Ä. beherbergender Raum“. In gleichem Tenor definiert das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG) einen solchen Raum als ein „Zimmer, das nach Jägerart eingerichtet ist“. Entgegen diesen vereinfachenden Erklärungen repräsentiert das Jagdzimmer in der Geschichte des Wohnens jedoch einen weitaus komplexeren Typus. Tatsächlich existiert eine Vielzahl von Raumformen, in denen die (erfolgreiche) Jagd in Form von Jagdutensilien, Bildmotiven oder dem klassischen Beweisstück einer erfolgreichen Hatz, der Jagdtrophäe, inszeniert wird. Auch ein Billard-, Ess- oder Herrenzimmer kann durch jagdliche Accessoires umgedeutet oder einer neuen Funktion zugeführt werden. Zudem scheint es sich beim Jagdzimmer um einen Raum(-typus) zu handeln, der spätestens mit der Aufhebung der adeligen Jagdprivilegien infolge der Französischen Revolution in den bürgerlichen Kontext diffundiert. Entsprechend sind Jagdzimmer sowohl im adeligen als auch im bürgerlichen Umfeld zu finden.

Ausgehend von diesen Beobachtungen widmet sich die Tagung einem Raumtypus, der in der Architekturgeschichtsschreibung sowie der kulturwissenschaftlichen Wohnraumforschung bisher fast vollständig vernachlässigt worden ist. Dabei steht der Versuch, eine Typologie des Jagdzimmers aufzustellen ebenso im Mittelpunkt des Interesses wie die Analyse exemplarischer Räume, Raumfolgen und -konzepte sowie deren kulturelle, soziale und geschlechtliche Implikationen. Auch vonseiten der Cultural Human-Animal Studies ist bislang nur wenig zu Praktiken des Einrichtens und Wohnens mit erlegten Tieren geforscht worden. Folgende Themenfelder können daher als Ausgangspunkt für Beiträge dienen. Wir freuen uns jedoch auch über weiterführende Anregungen zu anderen Aspekten rund ums Jagdzimmer.

Jagdzimmer in Schlössern

Rekonstruierte Jagdzimmer in europäischen Schlössern zeichnen sich gewöhnlich durch das Arrangement vielfältiger Gegenstände aus. Zu den charakteristischen Merkmalen eines jagdlich ausgestatteten Zimmers gehören Tapisserien mit Bildprogrammen zu Stationen und Ritualen der Jagd (Schloss Bruchsal), Deckenmalereien mit fantastischen Jagdszenen (Wasserschloss Wittringen) sowie mit tierlichen Präparaten geschmückte Wände (Schloss Moritzburg). Sowohl Geweihe als auch präparierte Tierköpfe geben Kunde von erfolgreich erlegten Tieren. Als Teil bildlicher Ausstattungsprogramme bezeugen diese Präparate, ebenso wie andere jagdliche Objekte, den Kontakt mit dem ,wilden‘ Tier und dessen Kulturalisierung. Daraus ergeben sich Fragestellungen wie die folgenden: Was zeichnet das adelige Jagdzimmer aus? Welche Praktiken der Jagd lassen sich in solchen räumlichen Arrangements (wieder-)finden? Oder wie werden Jagdzimmer zu höfischen Repräsentationszwecken genutzt?

Geschlechtertopografien jagdlichen Wohnens

Jagdlich ausgestattete Räume in Schlössern stehen in Verbindung mit repräsentativen und gesellschaftlichen Aktivitäten und damit auch mit Positionierungen von Geschlechtlichkeiten. Mit der Verlagerung höfischer Einrichtungsstile in großbürgerliche Wohnarrangements sind diese geschlechtlichen Zuordnungen übernommen und in neue Kontexte überführt worden. So lassen sich im Herrenzimmer häufig Elemente des Jagdlichen finden. Zudem werden repräsentative Räume von Politikern oder Staatsmännern, beispielsweise im Summer White House des ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, gerne mit Jagdtrophäen ausgestattet. Ein jagdlicher Einrichtungsstil kann aber auch der Selbstinszenierung in anderen Zusammenhängen dienen: In den ehemaligen Wohnhäusern der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen in Nairobi und Rungstedlund (unweit von Kopenhagen) finden sich etwa ein ausgelegtes Fell mit Kopfpräparat im Schlafzimmer sowie Pfeile und Gewehre hinter ihrem Schreibtisch. Hier interessieren uns folgende Fragen: Wie werden in jagdlich eingerichteten Wohnräumen Geschlechterpositionen inszeniert? Wie bedingen sich jagdliche Wohnarrangements und Geschlecht? Werden geschlechtliche Dichotomien in Wohnstilen des Jagdlichen aufgebrochen?

Mediale Schnittstellen

Jagdliches gehört in verschiedenen medialen Repräsentationsformen zum Ausstattungsprogramm von Räumen, die der Jagd gewidmet sind, etwa als gerahmter Stich, der Jagdszenen zeigt, als Fotografie von Jagdgesellschaften sowie als Tiertrophäe oder Tierpräparat. Als mediale Schnittstellen fungieren darüber hinaus Displays von Jagdzimmern und deren Einrichtungen in historischen oder zeitgenössischen Zeitschriften zum Thema Jagd oder in Büchern, die sich in literarischer oder dokumentarischer Form mit der Jagd beschäftigen. Auch im Film, insbesondere im Genre des sog. Heimatfilms (nicht allein) der 1950er Jahre werden Jagdzimmer und Ensembles von Objekten der Jagd gezeigt und mit sozialen, geschlechtlichen und nicht zuletzt auch nationalen Bedeutungen aufgeladen. Hier schließen sich Fragen wie die folgenden an: Wie und in welchem Zusammenhang wird das Thema Jagdzimmer in den populären Medien oder Medienverbünden dargestellt und diskutiert? Welche geschlechtlichen Konnotationen oder queeren Lesarten eröffnen die medialen Repräsentationen von Jagdzimmern, etwa auf Fotografien oder im Film?

Koloniale Gefüge

Die Jagd und Inszenierungen des Jagdlichen sind oftmals auch eng mit der Geschichte des europäischen Kolonialismus und folglich mit Darstellungskonventionen kolonialer Macht und Verfügungsgewalt verknüpft. Ebenso wie die Großwildjagd, die in afrikanischen Ländern oder auf dem indischen Subkontinent unabdingbar zur Selbstdarstellung von Vertreter:innen der Kolonialmächte gehörte, prägte das Zeigen/Ausstellen von Jagdtrophäen, Tierfellen sowie von Bildern und Utensilien der Jagd die Ausstattungsprogramme von Häusern und Landsitzen nicht nur in den westeuropäischen Metropolen, sondern auch in der kolonialen Peripherie, auf dem Land. Die Objekte übernahmen dabei (familiale) Erinnerungsfunktion, stehen gleichzeitig jedoch für den Anspruch auf gewaltsame Aneignung des nicht-westlichen ,Fremden‘. Schauräume mit kolonialen Ausstellungsstücken wie das Eastern Museum in Kedleston Hall (Derbyshire), dem Landsitz des Vizekönigs von Indien Lord Curzon im 19. Jahrhundert, finden sich nicht nur in Großbritannien. Das sog. Afrikazimmer diente auch in Deutschland als Erinnerungsort in Verbindung mit dem kolonialen Projekt; heute wird es mitsamt seiner exotistischen Ausstattung zum beliebten Motiv der touristischen Infrastruktur, als Einrichtung etwa in Eventgasthöfen oder Themenhotels. Vor diesem Hintergrund interessieren uns Fragen wie: Welche Beispiele für die Herstellung kolonialer Bezüge durch die/in den Räumlichkeiten des Jagdzimmers gibt es? Welche Bedeutung kommt dem Ausstellen von Objekten aus kolonialen Kontexten zu, insbesondere bei der Einbindung in jagdliche Wohnprogramme?

Zeitgenössische Kunst

Das Jagdzimmer und seine Medialisierungen haben auch in die zeitgenössische Kunst Eingang gefunden. Verwiesen sei etwa auf Neo Rauchs Ölgemälde Jagdzimmer (2008), Mark Dions wohnliche Jagdfantasien für die Gerisch-Stiftung aus dem Jahr 2011 oder die installativen Arbeiten des italienischen Künstlerduos bn+BRINANOVARA, das knallbunte, kopflose Schaumstoff-Trophäen als ,Antitrophäen‘ im White Cube inszeniert. Mögliche Fragen, die uns im Zusammenhang mit der künstlerischen Aneignung dieses Raumtypus interessieren sind beispielsweise: Wie setzen sich zeitgenössische Künstler:innen mit dem Jagdzimmer auseinander? Auf welche Raum- und v.a. Bildtraditionen nehmen sie Bezug bzw. wie brechen sie diese? Wie kritisieren die Werke etablierte Tier-Mensch-Relationen im/des Jagen/s?

Die oben genannten Themenfelder sollen als Orientierung für mögliche Einreichungen dienen. Wir möchten darüber hinaus aber ausdrücklich dazu anregen, weitere Bereiche und Aspekte im Zusammenhang mit der Thematik vorzuschlagen.

Vortragsvorschläge (Titel, Abstract max. 350 Wörter, biografische Angaben) senden Sie bitte bis zum 15. April 2022 an folgende Email-Adressen: silkefoerschler@posteo.de, keim@uni-bremen.de, a.schoenhagen@uni-bremen.de

Die Tagung ist vom 5.–6. November 2022 in Präsenz an der Universität Bremen geplant. Reise- und Übernachtungskosten können übernommen werden.

Die Tagung findet statt im Rahmen des Projekts c/o Habitat Tier und ist eine Veranstaltung des Forschungsfeldes „wohnen+/-ausstellen“ in der Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik an der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender.

Konzept und Tagungsleitung: Silke Förschler, Christiane Keim, Astrid Silvia Schönhagen

Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender c/o Universität Bremen, FVG M1060/1061, Celsiusstr. 2, 28359 Bremen
www.mariann-steegmann-institut.de