wohnen+/-ausstellen

Leitung und Konzept
Prof. Dr. Irene Nierhaus
Dr. Kathrin Heinz

Schwerpunkt der Forschung ist das in der Kooperation mit dem Instituts für Kunstwissenschaft - Filmwissenschaft - Kunstpädagogik der Universität Bremen aufgebaute eigenständige und spezifische Forschungsfeld wohnen+/–ausstellen. Wohnen wird darin als weitverzweigter, umfassender Komplex und Prozess von Aufenthalt, Handeln und Ausstellen als Zeigesystem verstanden. Wohnen wird spätestens seit der Moderne mit dem Privaten assoziiert, Ausstellen hingegen als Geste des Veröffentlichens und des Öffentlichen. Auch wenn dieser Gegensatz zwischen Öffentlich und Privat eine nicht aufrecht zu erhaltende Konstruktion ist, wird diese dennoch in Aussagen, Texten und Bildern in unendlichen Dichotomieketten (öffentlich-privat, männlich-weiblich, Individuum-Gesellschaft …) ständig wiederholt und erneuert. Die Verbindung von Wohnen und Ausstellen ist durch das „+/-“ markiert, das die Grauzone der Verschränkung anzeigt. So ist beispielsweise Wohnen in der Moderne als gesellschaftlicher Schauplatz figuriert, an dem sich die innenorientiert moderne Subjektivität fortwährend veräußert, ausstellt und ausstellen muss. D. h., es geht auch um eine Ein-Richtung des Subjekts und seiner sozialen Konstellationen durch und mit dem Einrichten des Wohnens. Wohnen richtet als politische, soziale und kulturelle An-Ordnung Zuschreibungen an Geschlechter, Ethnien, Körper und Nation ein. Wohnen ist somit eine vorsätzlich gesellschaftliche Formation, das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Bedingtheit keine Handlungsmöglichkeit des Subjekts ermöglicht. Im Gegenteil, Teil der Bedingtheit ist eine Aufforderung zum Handeln und ein Ausdifferenzieren in sozialen wie individuellen Handlungen wie Vorstellungen (Herstellen des Wohnens, des Zusammenwirkens der Bewohner_innen, z. B. als Familie, Verhalten in der Gesellschaft etc.). Wohnen ist ein Schauplatz des Bedingt-Seins und seiner wechselvollen Verhältnisse zum Selbst-Tun. Auch Ausstellen ist eine Konstellation sozialer und kultureller Narrative, die im Akt des Zeigens Wissen und Vorstellungen produziert. Von den sich im Wohnen selbst ausstellenden Bewohner_innensubjekten bis zu Kunst- und Bauausstellungen und ihren kritischen oder modellhaften Anordnungen des Wohnens reicht das Untersuchungsspektrum. Wohnkritiken und Wohnmodelle bilden seit dem 19. Jahrhundert die Diskurse um Wohnen in Texten und Bildern. In den verschiedenen Medien wird Wohnen ‚gezeigt‘, d. h. eine umfassende Didaktik zur Ausbildung eines Wohnwissens entwickelt. Dieses „Wohnwissen“ verknüpft Anforderungen, Zuschreibungen und Begehrensstrukturen aus unterschiedlichen Bereichen und versammelt sie in einem formellen wie informellen Komplex von Aussagen und Diskursverschränkungen. So wird das Prinzip des Einrichtens und Ausstellens, der Kritik und des Modells bzw. des darin formulierten Wohnwissens in verschiedenen bildlichen und räumlichen Formaten des Zu-Sehen-Gebens untersucht: z. B. Wohn- und Kunstausstellungen, Innenräume wie Interieurs in Architektur und Bild, Ausstellungspavillons, Publikumszeitschriften, Film, Fernsehen und Internet.

 


 

Forschungsgruppe
wohnen+/-ausstellen

Mitglieder
Dr. Katharina Eck, Prof. Dr. Insa Härtel,
Johanna Hartmann, Dr. Kathrin Heinz,
PD. Dr. Christiane Keim, Mira Anneli Naß, Prof. Dr. Irene Nierhaus, Amelie Ochs, Franziska Rauh, Dr. Mona Schieren,
Astrid Silvia Schönhagen, Rosanna Umbach, Prof. Dr. Elena Zanichelli

Zeitraum: seit Dezember 2009

Forschungsprojekt Wohnseiten. Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen

Leitung: Prof. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz 
Koordination
: Dr. Katharina Eck (bis September 2018)

 

Das Forschungsprojekt Wohnseiten im Forschungsfeld wohnen+/–ausstellen widmet sich der grundlegenden Erforschung und Analyse vorwiegend deutschsprachiger illustrierter Zeitschriften zum Thema Wohnen. Dabei werden sowohl historische als auch aktuelle Zeitschriften sowie weitere (inter)mediale, durch eine serielle Ästhetik gekennzeichnete Formate berücksichtigt und aus einer medienästhetischen und ideologiekritischen Perspektive angeschaut. Gefragt wird, auf welche Weise Zeitschriften Diskurse des Wohnens produzieren und vermitteln, und inwiefern dadurch die seit der Moderne wirksamen Vorstellungs- und Subjektivierungsweisen konstitutiv mitgestaltet werden. Der Materialkorpus reicht von Modejournalen über Familienblätter und Hausfrauenzeitschriften des 19. Jahrhunderts bis zu Zeitschriften, die sich ab der Wende zum 20. Jahrhundert mit Fragen der ästhetischen und sozialen Gestaltung von Wohnzusammenhängen auseinandersetzen. Gerade auch beliebte Formate wie Schöner Wohnen oder Landlust, die am Markt etabliert sind und sich über die Jahre ihres Erscheinens auch gewissermaßen immer wieder neu erfunden haben, stellen eine wertvolle Quelle dar. Für eine möglichst umfassende und zugleich fundierte Forschung haben sich einzelne Teilprojekte entwickelt, die sich auf jeweils unterschiedliche Zeiträume und Materialien konzentrieren, mit dem Ziel, Wohndidaktiken und Zeigestrategien in ihrer historischen Spezifik und gesellschaftlichen Wirkmacht herauszuarbeiten. Wie greifen bereits um 1800 Vorstellungen von Schönheit und Zweckmäßigkeit der Einrichtung mit frühen Konsum- und Reklamestrategien ineinander? Was ist die Rolle von Design bezogen auf Wohnsubjekte und wer verbreitet auf welche Weise Ideen von „gutem“ oder „richtigem“ Wohnen? Wie spielen Kategorien von Geschlecht, Familie und Nationalität in das Wohnen hinein? Mit welchen Text-Bild-Verbünden haben die Rezipient_innen es zu tun, und wie werden Leser_innen überhaupt angesprochen oder in die neu produzierten Diskurse (immer wieder neu) integriert? Kann ein Populärmedium, das sich an eine spezifische Masse wendet, maßgeblich die Diskurse und Debatten in Kunst und Design mitbestimmen? Welche Subjekte werden produziert und in welchen Räumen werden sie gezeigt? In historischer Perspektive ist dabei auch das Verhältnis von Einzelgegenstand und Wohnensemble interessant. Zu fragen wäre etwa, ab wann und in welcher Konstellation neben einzelnen Möbelstücken auch das Raumgefüge des Interieurs verhandelt wird. Wie ändern sich die Relationen, in denen die beiden Bereiche zueinander gedacht werden? In welchen Formaten und Kontexten kommen Ratgeber-Rubriken, Do-it-yourself und Alltagspraktiken in Verbindung mit dem Wohnen vor, wo gibt es Überschneidungen mit oder Abgrenzungen von anderen Rubriken? Auch Aspekte der Biopolitik und Gesundheits- bzw. Hygienediskurse spielen in den Innen- und Zwischenraum des (miteinander) Wohnens hinein und werden in den Teilprojekten mit untersucht. Das Forschungsprojekt hat neben der Grundlagenforschung und Erschließung des Feldes illustrierter Zeitschriften für die Kunstwissenschaft auch das Ziel der Nachwuchsförderung und der weiteren Vernetzung mit anderen forschenden Institutionen und Arbeitsgruppen.


Teilprojekte der Forschungsgruppe Wohnseiten

Dr. Katharina Eck (Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Postdoc): Habilitationsprojekt Wohn-Bilder in frühen Mode- und Gesellschaftsjournalen, 1786–1839 [AT] mit einem Schwerpunkt zu Wohn-Bildern in frühen illustrierten Zeitschriften um 1800 wie dem Weimarer Journal des Luxus und der Moden.

 

Prof. Dr. Insa Härtel (Professorin für Kulturwissenschaft an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) und Assoziierte Wissenschaftlerin am MSI): Forschungsprojekt zu „Messie“ mit Methode: Wohnmüll im TV-Format.

 

Rosanna Umbach (Mariann-Steegmann-Stipendiatin): Promotionsprojekt Gewohnte Beziehungsweisen –Visuelle Politiken des Familialen im Schöner Wohnen Magazin der 1960er und 1970er Jahre [AT].

 

Nora Johanna Huxmann (Nachwuchsprofessorin für Pflanzenverwendung in der Landschaftsarchitektur, Hochschule Ostwestfalen-Lippe/Höxter): Forschungsprojekt zu Wohnen und Gärten.

 

Weitere Beteiligte:

 

Dr. habil. Christiane Keim (Assoziierte Wissenschaftlerin am MSI)

 


Bisherige Veranstaltungen der Forschungsgruppe Wohnseiten:

 

WohnSeiten: Ins Bild gesetzt und durchgeblättert.
Zeigestrategien des Wohnens in Zeitschriften

 

10.-12. Mai 2019 an der Universität Bremen
 
Internationale Tagung des Forschungsprojekts Wohnseiten. Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen im Forschungsfeld wohnen+/-ausstellen in der Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft - Filmwissenschaft - Kunstpädagogik an der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender (Leitung: Prof. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz).
 
 
Wohnen will gelernt sein... Eher veränderlich als un-verrückbarer Zustand, ist Wohnen auch Handeln. Dieses Handeln ist Teil gesellschaftlicher und politischer Prozesse und Zuschreibungen und wird sowohl beständig als auch immer wieder neu vermittelt. Im Angebot der illustrierten (Massen-) Presse findet sich eine schier unüberschaubare Menge an Bildern und Diskursformationen des Wohnens und Einrichtens: Wer wohnt wie und mit wem, mondän, prekär, minimalistisch, prunkvoll ... Seite für Seite werden Einrichtungstipps, Homestories und Anleitungen zum „richtigen“ Wohnen vermittelt und gelehrt. Zeitschriften, Magazine, Journale und mediale Verbünde mit einem Schwerpunkt auf Wohnpraktiken stehen bei dieser Tagung mit ihrer seriellen, auf ein didaktisches Programm ausgerichteten Ästhetik im Fokus: Durch spezifische Zeigemechanismen werden Subjekte in ihren Wohnweisen adressiert und zum Tätigwerden aufgefordert. Es wird geclustert, gefaltet, seitenweise angeordnet, eingeschrieben, ausgelassen, vor allem aber auch: wiederholt und fortgesetzt.
Die ästhetische Struktur der Zeitschrift gibt Machtkonstellationen zu sehen, durch die Bewohner_innen und Leser_innen als sozial und politisch Agierende, vergeschlechtlichte und konsumierende Subjekte adressiert werden. Von frühen Mode- und Familienjournalen bis zu aktuellen Formaten sollen Darstellungen des Wohnens als sich selbst in Gang haltende Kategorisierungs- und Bewertungspraxen untersucht werden.
Die transdisziplinäre Tagung möchte Positionen aus Kunstwissenschaft, visueller Kultur, Architektur, Design und Medienwissenschaft zusammenbringen, um im Display der Zeitschrift über das Zu-Sehen-Geben von Wohn-Raum, seiner Architektur und Einrichtung sowie der in ihm und mit ihm agierenden Bewohner_innen zu diskutieren.
 
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Seiten des Wohnens: Bild, Text, Serie
12.-13. Mai 2017 an der Universität Bremen

Workshop des Forschungsprojektes Wohnseiten.
Deutschsprachige Zeitschriften zum Wohnen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ihre medialen Übertragungen

Leitung: Prof. Dr. Irene Nierhaus, Dr. Kathrin Heinz

Organisation: Dr. Katharina Eck, Anna-Katharina Riedel, Rosanna Umbach

Schöner Wohnen, Landlust, Journal des Luxus und der Moden… Diese und weitere Zeitschriften zielen darauf ab, bereits auf den ersten Blick Ideale und Handlungsweisen des Wohnens zu vermitteln. Über Kriterien wie die einer ‚guten‘ und ‚stilvollen‘ Dekoration im Wohnraum hinaus, geht es um die Ausgestaltungen von Beziehungsräumen in all ihren ästhetischen, sozialen, politischen und didaktischen Dimensionen. Seit der Herausbildung und Ausdifferenzierung des Genres der Wohnzeitschriften im Verlauf des 19. Jahrhunderts werden durch Präsentationen von Wohnen, Innenräumen, Architektur und Alltagspraktiken Subjektivierungsweisen mitproduziert. Die Wohndiskurse und die Ästhetiken ihrer Zur-Schau-Stellung wirken buchstäblich und bildlich von allen Seiten in die Gesellschaft und werden im Workshop auf ihre Zeige- und Nichtzeige-Strategien hin untersucht. Dabei werden verschiedene Medien, sowohl aktuelle Zeitschriften als auch historische Presseerzeugnisse und andere serielle Formate, analysiert.